Wolf und Landnutzung

Fragestellung

Im Projektteil „Wolf und Landnutzung“ untersuchen wir die konkreten Folgen der Wiederbesiedlung der Kulturlandschaft durch den Wolf für die Haltung von Weidetieren, die Forstwirtschaft und die Erhaltung von Offenlandlebensräumen. Dabei nutzen wir verschiedene Forschungsansätze, um wissenschaftlichen Daten zu erheben und diese vielschichtige Thematik zu beleuchten. 

Weidetierhaltung

Das Konfliktfeld Wolf und Weidewirtschaft ist wahrscheinlich eine der größten Herausforderungen, die die Rückkehr des Wolfes mit sich bringt. Als eine traditionelle Landnutzungsform trägt die Haltung von Weidetieren nicht nur zum Lebenserwerb von Landwirten oder der Freizeitgestaltung von Hobbyhaltern bei, sondern kann auch den Erhalt der Artenvielfalt von Tieren und Pflanzen fördern. Außerdem entspricht die Außenhaltung auf der Weide den Bedürfnissen von Weidetieren viel mehr als eine permanente Stallhaltung und begünstigt daher Tierwohl und -gesundheit. Was bedeutet die Rückkehr des Wolfes für die Halter von Weidetieren wie Schafen oder Rindern – insbesondere in praktischer und finanzieller Hinsicht, aber auch im Hinblick auf die Ökosystemleistungen der Weidewirtschaft? Welche Faktoren sind entscheidend, damit diese Form der Tierhaltung auch bei Wolfspräsenz möglichst konfliktfrei konfliktarm gelingen kann?

Um diese Fragen zu beantworten, erfassen wir zunächst, welche Grünlandflächen in unserer Projektregion zur Haltung von Weidetieren gewerblich oder privat genutzt werden. Wir kontaktieren die Weidetierhalter persönlich, um herauszufinden, auf welchen Flächen wann im Jahr wie viele Tiere stehen und wie diese durch Zäune oder andere Maßnahmen geschützt sind. Im Dialog mit den Weidetierhaltern und in Kombination mit Daten zu direkten Nachweisen von Wölfen (Risse, Fotofallenbilder, Losungen, Beobachtungen) erstellen wir ein Risikomodell, um die Wahrscheinlichkeit für Übergriffe durch Wölfe räumlich und zeitlich abzuschätzen. Dieses Modell soll es ermöglichen, besonders gefährdete Zonen zu identifizieren, damit betroffene Weidetierhalter informiert werden können. 

Weiterhin befragen wir die Weidetierhalter nach bereits erfolgten oder geplanten Änderungen ihres Weidemanagements sowie potentiellen wirtschaftlichen Konsequenzen infolge der Rückkehr von Wölfen in die Region. Wir wollen die Bereitschaft der Weidetierhalter erfassen, zum Schutz ihrer Tiere Anpassungen in der Haltung vorzunehmen. Dabei gilt es, herauszufinden, durch welche speziellen Fördermaßnahmen die Weidetierhaltung in einer dauerhaft von Wölfen besiedelten Region unterstützt und Konflikte vermieden werden könnten.

Forstwirtschaft

Aus forstwirtschaftlicher Sicht ist es essentiell, dass sich Wälder natürlich verjüngen können. Das heißt, dass keine Neuanpflanzungen erforderlich sind, sondern dass die Samen der vorhandenen Bäume auskeimen können und sich daraus erfolgreich eine neue Baumgeneration entwickeln kann. Keimlinge und Jungbäume stellen für wildlebende Pflanzenfresser wie Rehe und Rothirsche unter Umständen eine äußerst attraktive Nahrung dar. In bestimmten Gebieten können diese Wildtiere daher die Verjüngung einzelner Baumarten aber auch ganzer Bestände verzögern und gelegentlich auch verhindern. Die Präsenz eines natürlichen Feindes Prädators kann sich auf das Verhalten von Rehen und Rothirschen auswirken, was wiederum deren Fraßeinwirkung auf die Vegetation beeinflussen kann. Daher untersuchen wir, wie sich der Verbiss von Waldbäumen durch Rehe und Rothirsche verändert, wenn diese nicht mehr nur durch den Menschen, sondern auch von Wölfen bejagt werden.  

Um potentielle Effekte der Wolfspräsenz zu erfassen, führen wir Verbissaufnahmen in forstlich relevanten Waldbereichen durch, die unterschiedlich häufig von Wölfen aufgesucht werden. Unser Aufnahmeverfahren orientieren wir aus Gründen der Vergleichbarkeit an der Methodik der Verjüngungsinventur der Bayerischen Forstverwaltung. Dabei werden alle drei Jahre in Verjüngungsflächen in ganz Bayern Schäden durch Schalenwild nach einem einheitlichen Verfahren erfasst. Mit diesen bereits vorhandenen Daten als Referenz können wir die Ergebnisse unserer eigenen Verbissaufnahmen beurteilen. Außerdem sind für den Truppenübungsplatz Grafenwöhr detaillierte und räumlich hoch aufgelöste Ergebnisse zur Situation der Waldverjüngung aus dem Jahr 2010 vorhanden (Masterarbeit Trothe 2011). Diese Daten beschreiben die Situation vor dem ersten Wolfnachweis und helfen uns, mögliche Veränderungen im Wildverbiss durch die Anwesenheit von Wölfen festzustellen. 

In Anlehnung an die Verbissaufnahmen erheben wir zudem anhand von Losungszählungen auch die lokalen Abundanzen/Häufigkeiten von Rehen und Rothirschen, um eventuelle Korrelationen zu erkennen. Unsere Ergebnisse liefern daher eine wichtige Datengrundlage für ein integriertes Wald- und Wildtiermanagement.

Entlang eines Transekts durch geeignete Verjüngungsflächen werden fünf Probekreise mit Fluchtstangen ausgewiesen. In diesen Probekreisen werden zunächst die 15 nächstgelegenen kleinen Bäume (20-150 cm) markiert und auf Verbiss untersucht. In weiteren Schritten werden auch kleinere und größere Bäume begutachtet (C. Trothe 2011)

Naturschutz und Erhaltung von Offenland

Verbiss an Gehölzen, der im Wirtschaftswald aus forstwirtschaftlicher Sicht ein Problem darstellt, ist im Offenland aus naturschutzfachlichen Gründen oft sehr erwünscht. In vielen Gegenden ist die Verbuschung geschützter Offenlandlebensräume ein großes Problem für den Naturschutz. Wenn beispielsweise Wiesen nicht mehr gemäht werden, weil sich die landwirtschaftliche Nutzung nicht mehr rentiert oder ein Betrieb aufgegeben wurde, breiten sich häufig Büsche und Sträucher aus. In der Folge verschwinden kleinwüchsige und lichtbedürftige Gräser und Kräuter, die Artenvielfalt der Pflanzen geht mit der Zeit zurück und Offenlandlebensräume gehen verloren. Insbesondere dort, wo eine Bewirtschaftung von Grünland schwierig ist, können wildlebende Pflanzenfresser dazu beitragen, Offenland zu erhalten, indem sie aufkommende Gehölzpflanzen verbeißen und damit die Verbuschung im Zaum halten. 

Rothirsche sind sogenannte intermediäre Pflanzenfresser. Das bedeutet, dass sie je nach Futterangebot und -bedarf zwischen verschiedenen Ernährungsstrategien wechseln können. Ähnlich wie Rinder, sogenannte Gras- und Raufutterfresser, können sich Rothirsche durch Beweidung im Grünland ernähren. Sie können sich aber auch ähnlich wie Rehe, sogenannte Konzentratselektierer, Nahrung mit hoher Qualität suchen, also beispielsweise Knospen und junge Triebe holziger Pflanzen. In einem vorangegangenen Projekt auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr konnten wir zeigen, dass sich die Beweidung der wildlebenden Rothirsche positiv auf die Struktur und Diversität der Pflanzengemeinschaften in unterschiedlichen Offenlandlebensraumtypen auswirkt. Auch den Einfluss der Rothirsche auf die Verbuschung haben wir auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr bereits untersucht. Nachdem im Jahr 2016 an verschiedenen Stellen im Revier Nitzlbuch Gebüsche auf den Stock gesetzt wurden, haben wir 17 Vergleichspaare bestehend aus jeweils einer eingezäunten und einer für Rothirsche frei zugänglichen Aufnahmefläche eingerichtet. Seitdem beobachten wir die Entwicklung der Vegetation mit und ohne Einfluss der wildlebenden Pflanzenfresser. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Gehölze in den Flächen, von denen die Wildtiere ausgeschlossen sind, viel schneller und dichter wieder austreiben als in den offenen Bereichen.

Ähnlich wie beim Verbiss im Wald stellt sich für uns die Frage, wie sich der Einfluss der Pflanzenfresser auf die Vegetation verändert, wenn der Wolf als ein weiteres Element im Nahrungsnetz hinzukommt. Um einen Einblick in die ökologischen Prozesse zu bekommen, die das Zusammenspiel zwischen Wolf, Rothirsch und Vegetation ausmachen können wir die Entwicklung der Gehölzflächen mit der Lebensraumnutzung der Rothirsche abgleichen. 

Im Forstrevier Nitzlbuch auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr wurden bereits im Jahr 2016 Gebüsche auf den Stock gesetzt. In den anschließend ausgezäunten Flächen, ist die Vegetation deutlich dichter und höher als in den offenen, für Rothirsche zugänglichen Bereichen (Bild aus September 2019).

Wolf und Verhalten

Mit Hilfe von GPS-Telemetrie, Fotofallen, Analysen der Nahrungszusammensetzung und weiteren Forschungsmethoden werden Raumnutzung und Verhalten der Wölfe untersucht. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Frage, ob und wie Wölfe siedlungsnahe Bereiche nutzen, sowie auf potentiellen Konflikten mit der Haltung von Weidetieren.

Es wird untersucht, welche Folgen die Wiederbesiedlung der Kulturlandschaft durch den Wolf für verschiedene Formen der Landnutzung mit sich bringt. Weideflächen in der Region werden kartiert und Nutztierhalter zum Einfluss der Wolfspräsenz auf die Weidehaltung befragt. Mögliche Auswirkungen auf die Vegetationsentwicklung in Wald und Offenland werden anhand von Verbissaufnahmen, Ausschlussexperimenten sowie Erhebungen der lokalen Dichte von Reh und Rothirsch erfasst.

Wolf und Landnutzung

Auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr untersuchen wir die Räuber-Beute-Beziehung zwischen Wolf und Rothirsch. Rothirsche werden mit GPS-Sendern ausgestattet, um ihr Verhalten und dieLebensraumnutzung hinsichtlich möglicher Veränderungen durch die zunehmende Wolfspräsenz zu analysieren. Die jährliche Jagdstrecke liefert Kennzahlen zur Populationsdynamik und -struktur des Rothirschbestands. 

Wolf und Rothirsch
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Die Wiederbesiedelung der Kulturlandschaft durch den Wolf -

Lebensraumnutzung, Auswirkungen auf Beutetiervorkommen und mögliche Folgen

für die regionale Land- und Forstwirtschaft 

created by Nina Gerber

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